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28.11.2000 - Sorgenfrei durch Vorsorge - Kontrazeption bei Frauen unter 20

Juliane, 14: “Ich bin seit zwei Monaten mit einem Jungen zusammen. Wir lieben uns sehr, haben auch schon einige Male miteinander geschlafen und bisher mit Kondomen verhütet. Demnächst möchte ich wegen der Pille zu einem Frauenarzt gehen. Ehrlich gesagt, ist mir etwas mulmig dabei. Muss ich meinen Eltern sagen, dass ich mir die Pille verschreiben lasse? Bekomme ich sie überhaupt schon mit 14?”
Diese Anfrage hat beispielhaften Charakter.


Jede junge Frau kann sich heute wirksam vor einer ungewollten Schwangerschaft schützen. Trotzdem gibt es noch viele, die sich unvorbereitet auf das erste Mal einlassen. Das Spiel mit dem Feuer kann insbesondere in der Pubertät nachhaltige Folgen haben und das Wissen um die schon lange nicht mehr problematische Verhütung ist deshalb unerlässlich. Gynäkologinnen und Gynäkologen stehen den jungen Ratsuchenden zur Seite und dürfen dies auch dann tun, wenn die Eltern nichts davon erfahren sollen.

Aktuelle Zahlen
Eine Marktforschungsstudie zum Thema “Orale Kontrazeptiva”, die im Auftrag der Firma Schering vom EMNID-Institut durchgeführt wurde, zeigte folgendes Ergebnis: Der Zeitpunkt der Erstanwendung eines Kontrazeptivums hat sich mit den Jahren immer weiter nach unten verschoben. So liegt das Durchschnittsalter der ersten Einnahme von unter 20-jährigen Frauen heute bei 15,5 Jahren, während über 40-jährige Frauen im Durchschnitt 20,6 Jahre alt waren, als sie erstmals orale Kontrazeptiva anwandten. 1,3 Prozent der befragten jungen Mädchen sind bei der Erstanwendung unter 14 Jahren, 16,3 Prozent 14-15, 36,4 Prozent 16-17 und 23,3 Prozent 18-19 Jahre. Wegen des vergleichsweise frühen Eintritts der Menarche und damit der Fruchtbarkeit sollte vor dem ersten Geschlechtsverkehr eine umfassende Kontrazeptions-Beratung sowie ein Aufklärungsgespräch zum Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten in der gynäkologischen Praxis stattfinden.

Ich will doch nicht schwanger werden!
In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Einstellung junger Frauen zu ihrer Sexualität in wesentlichen Bereichen gewandelt. “Ich will doch nicht schwanger werden, und da will ich über die Verhütung auch selbst entscheiden”, erklärte eine 16-Jährige im Beratungsgespräch. Zur Zeit kommen die jungen Frauen noch überwiegend allein, allenfalls mit der besten Freundin oder in Begleitung der Mutter. Der Partner oder Freund wird nur selten einbezogen. Erleben junge Frauen Zuwendung in einer angstfreien Atmosphäre, wenn sie Informationen zur Schwangerschaftsverhütung suchen, entscheiden sich etwa 85 Prozent für Ovulationshemmer. In den meisten Fällen wird eine niedrig dosierte Kombinations-Pille verschrieben. Alternativen wie die Spirale spielen keine Rolle.

Vertrauen als Grundlage
Das Beratungsgespräch zwischen Arzt und junger Frau ist der Schlüssel für diagnostische Maßnahmen unter Einbeziehung der Familienanamnese. Dabei geht es nicht nur darum, überstandene oder familiär bedingte Krankheiten abzuklären. Noch wichtiger ist, nach dem Lebensumfeld der jungen Frau zu fragen. Wie kommt sie mit ihren Eltern, Lehrern und Mitschülern zurecht? Gibt es unbewältigte psychische Probleme (Magersucht, Bulimie, Depressionen usw.)? Welche Ansprüche und Wünsche stellt sie an ihre Beziehung? Besonders wichtig ist außerdem, an die Eigenverantwortlichkeit zu appellieren und darauf hinzuweisen, wie sich der Konsum von Zigaretten, Alkohol und Drogen auf die körperliche und geistige Entwicklung auswirkt.

Diagnostische Maßnahmen
Die Bestimmung des Blutgerinnungs-Faktors sowie des Body-Mass-Index kann ebenso notwendig sein wie eine Ultraschalluntersuchung. Neben der diagnostischen Funktion vermittelt diese der jungen Frau eine visuelle “Einsicht” in ihrem Körper. Eine gynäkologische Untersuchung ist im Rahmen der Erstberatung bei sehr jungen Mädchen nicht unbedingt erforderlich und kann auf den zweiten Besuch verschoben werden, um das Schamgefühl nicht zu verletzen. Die Beratung umfasst außerdem Erläuterungen zur Menstruationshygiene, Anregungen zur einer gesunden Lebensführung und schließlich zum Impfschutz (Röteln, Hepatitis B). Die junge Frau sollte sich vor dem Arztbesuch überlegen, welche Fragen ihr am Herzen liegen.

Die rechtliche Situation
Da die Verschreibung der Pille eine gewisse Reife voraussetzt, sollte sie erst ab 15 Jahren erfolgen. Im Allgemeinen wird aber der Frauenarzt auch jüngeren Mädchen ein Rezept ausstellen, wenn keine gewichtigen Gründe dagegen sprechen. Unter 14 Jahren benötigen junge Mädchen die Zustimmung eines Erziehungsberechtigten. Für den Frauenarzt-Check ist eine Krankenkassen-Chipkarte notwendig. Ärzte und Ärztinnen sowie die Mitarbeiter in den Krankenkassen unterliegen der Schweigepflicht und dürfen keine Auskünfte an Eltern weitergeben.

Die “Pille danach”
Missgeschicke bei der Verhütung sollten eigentlich nicht passieren, aber manchmal wird die Einnahme der Pille vergessen, das Kondom verrutscht oder die Vernunft macht einfach Pause. Für diese Pannen gibt es die “Pille danach”. Sie sollte spätestens 48 Stunden Zeit nach dem ungeschützten Sex eingenommen werden. Es handelt sich dabei um kein Routinemedikament, aber auch keine Hormonbombe, sondern schlicht um eine akzeptable, wenn auch wenig bekannte Lösung für den Notfall. Sie darf auch nicht mit der Abtreibungspille verwechselt werden, erklärt der Berufsverband der Frauenärzte. Grundsätzlich gilt, die “Pille danach” ist rund um die Uhr erhältlich. Am Wochenende kann der Ärztliche Notdienst eines Krankenhauses das Medikament verschreiben. Andernfalls stellt der Gynäkologe das Rezept aus, ohne die Eltern zu informieren. Wie bei der ärztlich verordneten Pille übernehmen bis zum 20. Lebensjahr die Krankenkassen die Kosten. Vier Wochen nach der Einnahme sollte die junge Frau ihren Gynäkologen aufsuchen, um sicher zu gehen, dass die “Pille danach” gewirkt hat und sich über Verhütungsmaßnahmen aufklären lassen, damit unliebsame Überraschungen zukünftig vermieden werden können.

Maria-E. Lange-Ernst